Vers + Welt: Rainer René Mueller | Neumen
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Dienstag, 27 November, 2018 - 20:30

Vers + Welt: Rainer René Mueller | Neumen

Vers + Welt #4 | Salon für Gedichte und Sachfragen

Lesung und Gespräch
Rainer René Mueller: Gedichte
Lesen und Hören: www.lyrikline.org
über „geschriebes. selbst mit stein“ (edition aouey, 2018):
Dirk Uwe Hansen:   signaturen-magazin.de
Samuel Meister: www.fixpoetry.com

Vortrag und gemeinsame Diskussion
Ellen Hünigen: Neumen
Ellen Hünigen beim Ensemble VOX NOSTRA:
vox-nostra.com
„Neumen“, Überblicksdarstellung (wikipedia):
wikipedia.org

Geöffnet ab 19:30 Uhr, Beginn 20:00 Uhr.
Eintritt: 5 € (Abendkasse) | @facebook

Rainer René Mueller, für dessen Schreiben die Rückbindung an die Musik, insbesondere das Lied, durchgängig relevant gewesen ist, liest heute Abend ausgewählte Gedichte aus seinem Schaffen –  frühere Texte aus dem Auswahlband „POEMES - POETRA“ zusammen mit Stücken aus seinem neuen Band „geschriebes. selbst mit stein“ –, für die eine spezifische formale Arbeitsweise kennzeichnend ist, welche sie als einen eigenen Werkschwerpunkt erscheinen lässt.
Durch eine Loslösung der Interpunktion in der Sprache von ihrer rein syntaktischen Funktion gestaltet Mueller in diesen Texten den Ton seiner Lyrik mittels eines eigenen Verwendungs systems der Satzzeichen, das klanglich -sprachkompositorisch Betonungs-, Beschleunigungs-, Pausen- und Wiederholungsvorgaben setzt, wie in der Lesung zu hören sein wird. Obwohl musikalisch-konstruktiv angelegt, ist diese Schreibweise oft pauschal als „Sprachdestruktion“ aufgefasst worden.
Im Kontext seiner Beschäftigung mit der Musikgeschichte entdeckte Mueller das frühmittelalterliche, vor-partiturielle Notationssystem der Neumen – zumeist über den Liedtext -Zeilen in Handschriften notierte graphische Zeichen, die Interpretationshinweise für den Gesang geben, und ihm wie ein nachträgliches Modell, als ein Verwandtschaftsbezug zu der von ihm entwickelten Schreibweise erschienen.    

Der Vortrag der Musikwissenschaftlerin, Komponistin und Vokalistin Ellen Hünigen gibt uns eine Einführung in die Welt der Neumen, der frühesten Musikaufzeichnungen im europäischen Raum. Bis ins 9. Jh. hinein war man noch maßgeblich der Auffassung, man könne Gesang nicht schriftlich bannen, er erklinge und verflöge dann, sobald der letzte Ton verebbt ist.
Warum und auf welche Weise wurde begonnen, dies flüchtige, vergängliche Moment – Musik, Gesang – aufzuzeichnen, und was überhaupt wurde hier mittels der Neumen konkret aufgezeichnet? Wie entwickelte sich das Verhältnis zwischen Memorieren und schriftlicher Niederlegung, welche Normierungen gingen daraus hervor, was konnte so gewonnen werden, was ging verloren? Ferner beschreibt der Vortrag, welches Eigenleben das Notieren entwickelte, wie es den Klang und das Komponieren beeinflusste und welche kulturellen und politischen Zwecke sich mit dem Aufzeichnen verbanden.
Für die gemeinsame offene Diskussion im Plenum ergeben sich von hier aus vielfältige Fragen zum Verhältnis von Lyrik und Musik, (Schrift-)Sprache, Schriftbild und Klang sowie Ausgangspunkte zur Spekulation über genreüberschreitende Poetiken. 

Rainer René Mueller, *1949 in Würzburg, lebt als freier Autor in Heidelberg und war vormals u.a. tätig im Bereich bildender Kunst als Kurator, Galerie- und Museumsleiter, Kunsthistoriker und Publizist.
Im Herbst 2015 erschien mit "POEMES - POETRA" ein Auswahlband, der Gedichte Muellers aus drei Jahrzehnten versammelt: Texte aus früheren Einzelbänden wie "Lieddeutsch" (1981), "Kreuzungen / Sturzfigur" (1986) oder "Chasse de Neige / Schneejagd" (1994), die über die Jahre in verschiedenen Verlagen erschienen waren – sowie jüngere Texte in dem abschließenden Zyklus "Sybilleana". Die Gedichte Muellers, der ab Mitte der 1980er Jahre an den Kreisläufen des Literaturbetriebs nicht mehr teilnahm, waren so (wieder)zuentdecken als ein missing link der Gegenwartslyrik.
Im Frühjahr 2018 veröffentlichte Rainer René Mueller unter dem Titel "geschriebes. selbst mit stein" neue Lyrik in der neu begründeten Edition aouey (Heidelberg), die Leonard Keidel in Nachbarschaft zu der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Die Wiederholung" betreut. 
roughbooks.ch/rainer_rene_mueller
aouey.diewiederholung.de

Ellen Hünigen, *1965, studierte Komposition und Klavier an der Musikhochschule Hanns Eisler und war danach Meisterschülerin an der Akademie der Künste bei Friedrich Goldmann. Hinzu kamen Gesangsunterricht bei Jochen Vogt und musikwissenschaftliche Studien an der Humboldt Universität, in Kursen und im Selbststudium, v.a. Notation und Aufführungspraxis des Mittelalters und der Renaissance betreffend, in gegenseitiger Befruchtung mit der Gründung des Vokalensembles VOX NOSTRA unter Leitung von Burkard Wehner, das sich auf Mittelalter und Renaissance spezialisierte, aber auch Neue Musik aufführt.
Sie ist Mitglied des Ensembles Musikalischer Religionsdialog. Eine Dissertation über Musikhandschriften aus dem 12. Jh. ist in Arbeit. Die intensive Beschäftigung mit alten Tasteninstrumenten, v.a. mit dem Clavichord führte zu weiterer Konzerttätigkeit. Ellen Hünigen unterrichtet Tonsatz, Gehörbildung und Klavier, und gab und gibt Kurse und Workshops zu Musik des Mittelalters und der Renaissance an verschiedenen Institutionen (HU Berlin, HfM Hanns Eisler, Kurse in Tilburg und Utrecht gemeinsam mit Rebecca Stewart).

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Vers + Welt | Salon für Gedichte und Sachfragen
präsentiert Lesungen zeitgenössischer Lyrik zusammen mit Vorträgen über nichtliterarische Themen, die von den Dichtern ausgewählt wurden: Expertinnen aus Wissenschaft und Praxis sprechen zu Sachfragen, die in Bezug zu den Gedichten stehen.
Der Salon ist ein Forum für das Teilen von Wissen, und im Austausch zwischen den Auftretenden und in der offenen Diskussion mit dem Publikum gibt es Gelegenheit nachzufragen, gemeinsam weiterzudenken und zu spekulieren. Dabei wird kein näheres Vorwissen vorausgesetzt und kein bestimmtes Fazit oder Ergebnis angestrebt – die aufregendsten Gedanken verfertigen sich schließlich oft, mit Kleist gesagt, beim Reden.
Ausgangspunkt von Vers + Welt ist das Interesse der Autoren an bestimmten Sachgebieten und Gegenständen des Denkens, die außerhalb der Lyrik liegen. Dieses Interesse kann als Inspiration am Anfang eines einzelnen Texts stehen, ein übergreifendes Thema der Auseinandersetzung und des Schreibens sein, oder es ergibt sich im Schreib- und Rechercheprozess durch Zufallsfunde.
Jede Veranstaltung beginnt mit der Lesung der Dichterinnen, gerahmt von einem kompakten Gespräch über die gelesenen Texte. Nach einer Pause hören wir den Vortrag, auf den die gemeinsame offene Diskussion folgt. Später gibt es Musik und Getränke an der Bar.
Vers + Welt ist ein Format innerhalb der Reihe Lyrik im ausland, deren Veranstalter Tobias Herold die Abende moderiert.

Mit freundlicher Unterstützung der Berliner Sentsverwaltung für Kultur und Europa und durch die Medienpartner von"Vers + Welt": taz - die tagszeitung & fixpoetry.

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As part of the series Lyrik im ausland

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